fühlt euch wie zuhause
Mittwoch, 24. Oktober 2007 12:06
· von meik
im deutschlandfunk hieß es dazu in den 10:30-nachrichten (deren text ist leider nicht online zu haben, auch der hörerservice konnte mir bis jetzt nicht aushelfen): es habe ausschreitungen bei einer studierendendemo in venezuela gegeben, die sich gegen die verfassungsänderungen von chavez wandte. er plane unter anderem eine längere amtszeit und die möglichkeit der unbegrenzten wiederwahl. polizei habe tränengas eingesetzt, als die studierenden richtung palast marschierten.
daraus sollte man schließen, daß die zukünftige elite venezuelas gegen die pläne chavez' bezüglich amtsdauer und wiederwahl auf die straße geht. glaubt man dagegen der etwas ausführlicheren darstellung der netzzeitung, richtete sich der protest vor allem gegen eine änderung der notstandsgesetze, die eine schnellere inhaftierung ermöglichen. vielleicht wurde dieser umstand hier mit rücksicht auf herrn schäuble nicht erwähnt? bei insgesamt 67 änderungen, die chavez plant, kann man aber auch mal was vergessen. bis auf die zwei erwähnten punkte, die einfach nie jemand vergißt. im netzzeitungsartikel lesen wir denn auch etwas wieder, das immer mal wieder zu vernehmen ist:
fällt etwas auf? mir schon: hier geht's gar nicht um die demo, es spricht die venezolanische opposition. ich frage mich, ob diese "neuigkeit" auch mit der ap/dpa-tickermeldung verbreitet wurde, auf der die gesamte berichterstattung beruht. dann scheint es dort jemandem wichtig zu sein, die castroisierung venezuelas im gespräch zu lassen.
aber zurück zu den schweren ausschreitungen -- was ist denn eigentlich passiert? das bleibt bisher ziemlich unklar, denn aus den meldungen geht nur hervor, daß chavez-gegner und -befürworter in palastnähe aufeinandertrafen, flaschen und steine geflogen seien und die polizei dann tränengas einsetzte, um die blöcke zu trennen. keine erwähnung von verletzten oder toten, womit ich selbstverständlich nicht sagen möchte, daß ich lieber blut hätte, sondern meine zweifel habe, ob es tatsächlich "schwere ausschreitungen" gab. mal ehrlich, hätte es dutzende von schwerverletzten gegeben, welche pressemeldung hätte ausgerechnet das verschwiegen?
um die schwere der ausschreitungen zu unterstreichen, muß der tränengaseinsatz herhalten, die staatsgewalt also als tyrannische macht erscheinen. keine frage, tränengas ist eine brutale waffe, und sein einsatz meines wissens in einigen deutschen bundesländern sogar verboten, nachdem es bei anti-atomkraft-demos zu unglücklichen todesfällen kam (ich muß hierzu aber anmerken, daß mir dazu bisher quellen fehlen, muß ich bei gelegenheit mal recherchieren...). fakt ist aber, daß insbesondere hessische studierende bei ihren demos gegen studiengebühren regelmäßig von der polizei mit reizgas bedacht wurden. wer die dokumentation "kick it like frankreich" sah, in der auch das von der hessischen polizei völlig verwüstete frankfurter studi-cafe zu "bewundern" ist, erhält einen guten eindruck davon, wie verhältnismäßig staatliches vorgehen hierzulande sein darf. im lichte dieser ausschreitungsmeldung können wir dann ja mal gemeinsam darüber nachdenken, wie es um das demokratische niveau von venezolanischer und hessischer regierung im direkten vergleich steht.
aber noch ein wichtiges detail teilt die netzzeitung mit: bei den demonstrierenden studis in caracas handelte es sich um solche, "die zumeist an privaten Hochschulen eingeschrieben sind". es steht zu vermuten, daß es sich hierbei also vornehmlich um kinder der weiße oberschicht-minderheit handelt, die sich nach der zeit zurücksehnen, in der sie im land den ton angaben. das ist schon verständlich. an dieser stelle möchte ich aber das augenmerk auf etwas nicht selbstverständliches richten: vor dem palast trennte die polizei gegener und befürworter chavez'. die zweite gruppe wurde in der radiomeldung auch vergessen. aber auf welcher demo habt ihr das letzte mal eine signifikante anzahl von gegendemonstrant/inn/en gesehen? richtig, bei den neos. was würdet ihr sagen, wenn bei so einer gelegenheit nur von den ewig gestrigen berichtet werden würde?
klar, in den paar sekunden kann man nicht die ganze komplexität verschiedener ereignisebenen klären. aber der versuch, hier sinnvoll zu kürzen, ist mal gescheitert. insofern mein dankeschön, daß die meldung danach einfach gar nicht mehr erwähnt wurde. oder?
ich bekam inzwischen die agenturmeldungen vom deutschlandfunk-hörerservice zugeschickt. in ihnen ist von 69 verfassungsänderungen die rede, von den notstandsgesetzen, und von einem disput mit der katholischen kirche, nicht jedoch von ausschreitungen oder tränengas (vielmehr sei es "in der Nähe des Parlaments vereinzelt zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen"). hm. jetzt ist mir gänzlich unklar, wie daraus die oben zitierte meldung werden konnte.
daraus sollte man schließen, daß die zukünftige elite venezuelas gegen die pläne chavez' bezüglich amtsdauer und wiederwahl auf die straße geht. glaubt man dagegen der etwas ausführlicheren darstellung der netzzeitung, richtete sich der protest vor allem gegen eine änderung der notstandsgesetze, die eine schnellere inhaftierung ermöglichen. vielleicht wurde dieser umstand hier mit rücksicht auf herrn schäuble nicht erwähnt? bei insgesamt 67 änderungen, die chavez plant, kann man aber auch mal was vergessen. bis auf die zwei erwähnten punkte, die einfach nie jemand vergißt. im netzzeitungsartikel lesen wir denn auch etwas wieder, das immer mal wieder zu vernehmen ist:
Die Opposition befürchtet, dass sich Chavez mit den Verfassungsänderungen zu einem lebenslangen Führer wie der kubanische Staatschef Fidel Castro machen könnte.
fällt etwas auf? mir schon: hier geht's gar nicht um die demo, es spricht die venezolanische opposition. ich frage mich, ob diese "neuigkeit" auch mit der ap/dpa-tickermeldung verbreitet wurde, auf der die gesamte berichterstattung beruht. dann scheint es dort jemandem wichtig zu sein, die castroisierung venezuelas im gespräch zu lassen.
aber zurück zu den schweren ausschreitungen -- was ist denn eigentlich passiert? das bleibt bisher ziemlich unklar, denn aus den meldungen geht nur hervor, daß chavez-gegner und -befürworter in palastnähe aufeinandertrafen, flaschen und steine geflogen seien und die polizei dann tränengas einsetzte, um die blöcke zu trennen. keine erwähnung von verletzten oder toten, womit ich selbstverständlich nicht sagen möchte, daß ich lieber blut hätte, sondern meine zweifel habe, ob es tatsächlich "schwere ausschreitungen" gab. mal ehrlich, hätte es dutzende von schwerverletzten gegeben, welche pressemeldung hätte ausgerechnet das verschwiegen?
um die schwere der ausschreitungen zu unterstreichen, muß der tränengaseinsatz herhalten, die staatsgewalt also als tyrannische macht erscheinen. keine frage, tränengas ist eine brutale waffe, und sein einsatz meines wissens in einigen deutschen bundesländern sogar verboten, nachdem es bei anti-atomkraft-demos zu unglücklichen todesfällen kam (ich muß hierzu aber anmerken, daß mir dazu bisher quellen fehlen, muß ich bei gelegenheit mal recherchieren...). fakt ist aber, daß insbesondere hessische studierende bei ihren demos gegen studiengebühren regelmäßig von der polizei mit reizgas bedacht wurden. wer die dokumentation "kick it like frankreich" sah, in der auch das von der hessischen polizei völlig verwüstete frankfurter studi-cafe zu "bewundern" ist, erhält einen guten eindruck davon, wie verhältnismäßig staatliches vorgehen hierzulande sein darf. im lichte dieser ausschreitungsmeldung können wir dann ja mal gemeinsam darüber nachdenken, wie es um das demokratische niveau von venezolanischer und hessischer regierung im direkten vergleich steht.
aber noch ein wichtiges detail teilt die netzzeitung mit: bei den demonstrierenden studis in caracas handelte es sich um solche, "die zumeist an privaten Hochschulen eingeschrieben sind". es steht zu vermuten, daß es sich hierbei also vornehmlich um kinder der weiße oberschicht-minderheit handelt, die sich nach der zeit zurücksehnen, in der sie im land den ton angaben. das ist schon verständlich. an dieser stelle möchte ich aber das augenmerk auf etwas nicht selbstverständliches richten: vor dem palast trennte die polizei gegener und befürworter chavez'. die zweite gruppe wurde in der radiomeldung auch vergessen. aber auf welcher demo habt ihr das letzte mal eine signifikante anzahl von gegendemonstrant/inn/en gesehen? richtig, bei den neos. was würdet ihr sagen, wenn bei so einer gelegenheit nur von den ewig gestrigen berichtet werden würde?
klar, in den paar sekunden kann man nicht die ganze komplexität verschiedener ereignisebenen klären. aber der versuch, hier sinnvoll zu kürzen, ist mal gescheitert. insofern mein dankeschön, daß die meldung danach einfach gar nicht mehr erwähnt wurde. oder?
update (31.10.2007)
ich bekam inzwischen die agenturmeldungen vom deutschlandfunk-hörerservice zugeschickt. in ihnen ist von 69 verfassungsänderungen die rede, von den notstandsgesetzen, und von einem disput mit der katholischen kirche, nicht jedoch von ausschreitungen oder tränengas (vielmehr sei es "in der Nähe des Parlaments vereinzelt zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen"). hm. jetzt ist mir gänzlich unklar, wie daraus die oben zitierte meldung werden konnte.


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