sie haben es wieder getan
Sonntag, 17. Juni 2007 23:10
· von meik
die yes men sind eine kleine gruppe von politischen aktivisten, die ihre aktionsform als "identitätskorrektur" verstanden wissen möchten. sie stellen mit vorliebe parodistische homepages ins internet, die denen ihrer zielgruppe zum verwechseln ähnlich sehen, und genau das passiert dann auch: sie werden verwechselt. so kommt es, daß die yes men wiederholt als vermeintliche repräsentanten der world trade organisation (wto) bei internationalen konferenzen vollkommen absurde vorträge hielten, meist jedoch ohne daß jemandem im auditorium der fake auffiel. die einladungen gingen am kontaktadressen der yes men-seite http://www.gatt.org, die viele bei einer suche im internet fälschlicherweise für die offizielle homepage der wto halten.
das wirklich bemerkenswerte dabei ist jedoch, welche inhaltlichen aussagen die anfragenden organisationen offenbar auch problemlos der wto zutrauen würden. im augenblick verkündet gatt.org beispielsweise:
aufsehen erregte vor einigen jahren auch ein bbc-interview, in dem die yes men als vertreter von dow chemicals auftraten und spektakulärerweise kundtaten, daß der konzern endlich die volle verantwortung für die verheerende chemiekatastrophe in bhopal 20 jahre zuvor übernehme und den geschädigten angemessene entschädigungen zahlen werde. auch die bbc fiel auf eine gefälschte homepage herein, auf der der chemiekonzern sogar als urheber der weltweiten umweltbewegung dargestellt wird:
der chemiekonzern bemerkte diesen pr-gau erst, nachdem das interview als sensation des tages bereits mehrmals in der bbc wiederholt worden war. auch mit seiner gegendarstellung kam er zu spät: die yes men hatten bereits selbst eine vorbereitete "richtigstellung" im namen von dow an die presse gegeben. sie verursachten so nicht nur einen skandal, sondern stellten auch noch selbst sicher, daß er in ihrem sinne "enthüllt" wird.
in der gleichen tradion steht ihr neuester streich: es gelang ihnen, als mit spannung erwartete hauptredner auf der wichtigsten canadischen öl-konferenz "go-expo" in calgary aufzutreten, und sich dort als angehörige von exxon-mobil bzw. des washingtoner national petroleum council auszugeben. bei der gelegenheit sei auch erwähnt, daß sich die yes men auch immer wieder ganze lebensläufe und abstruse namen für ihre erfundenen charaktere einfallen lassen (mein favorit ist wohl der vermeintliche schweitzer wto-gesandte "hank hardy unruh", der auf einer textilmesse dem staunenden fachpublikum einen goldenen manager-freizeitanzug mit riesigem phallus präsentierte). hier trat nun ein npc-sprecher unter dem bezeichnenden namen "shepard wolff" auf.
ihr publikum bestand aus etwa 300 schwergewichten der öl-industrie. und dieser erlesenen gruppe präsentierten sie, wie sich exxon-mobil die zukunft vorstelle: fossile brennstoffe begünstigten katastrophen, durch den klimawandel würden bekanntermaßen schon bald massen an menschen sterben. das sei aber kein problem, denn man habe eine methode entwickelt, um menschliche überreste in treibstoff zu verwandeln (sie nennen ihn "vivoleum"). so würde niemand umsonst sterben, und auch bei knapper werdenden ölreserven könnte so für die überlebenden der treibstoff weiter fließen.
das publikum folgte dem vortrag bis hierhin noch interessiert, entrüstung war nicht zu vernehmen. dies ahnend legten es die yes men darauf an, den bogen endgültig zu überspannen. sie verteilten kerzen in menschlicher form, die angeblich aus einem hausmeister ("reggie watts") hergestellt wurden, der durch einem unfall bei exxon-mobil unheilbar erkrankte. in einer völlig grotesken video-botschaft ließen sie watts selbst den wunsch äußern, nach seinem ableben als kerze noch einmal gute dienste leisten zu können ("z.b. bei einem romantischen essen"). langsam merken nun auch die veranstalter, daß ihre top-redner nicht wirklich aus ihren reihen kamen.
ich finde die yes men aus mehreren gründen bewundernswert. zum einen gelingt es ihnen mit ihren aktionen immer wieder, die von euphemismen und hochglanzbroschüren verklärte selbstdarstellung von fragwürdigen organisationen und konzernen platzen zu lassen. das dumme an illusionen ist bekanntermaßen, daß ein entweichen der wahrheit zu ihrer unbrauchbarkeit führt. das westenweiß der entblößten droht in der regel zu verflecken, wenn sie durch derartige situationen in verlegenheit gebracht wurden. man muß sich nur einmal vorstellen, wie "gerne" sich dow chemicals dafür gerechtfertigt haben dürfte, doch keine verantwortung übernehmen zu wollen. es gehört auch ohne frage eine gehörige portion mut dazu, sich immer wieder nicht nur in die höhle des löwen zu wagen, sondern ihn auch noch mit computeranimationen zu necken, was für ein schlappschwänziger schmusekater er doch bisher gewesen ist. dabei ist diese aktionsform nicht nur sehr unterhaltsam (es gibt einen großartigen film über die yes men, den ich nur wärmstens für das abendprogramm empfehlen kann). vielmehr richtet sie auch keinen beklagenswerten schaden an, sondern erzeugt allenfalls den öffentlichen druck, den einige akteure offensichtlich benötigen. zuguterletzt finde ich beachtlich, daß es mike bonanno und andy bichlbaum nach jahren immer noch gelingt, ohne gesichschirurgische eingriffe weiter unter neuen namen aufzutreten. ich hoffe sehr, daß ihre gesichter noch lange nicht "abgenutzt" sind und sie uns noch viele spektakuläre auftritte bescheren. mein respekt!
identitätskorrektur
das wirklich bemerkenswerte dabei ist jedoch, welche inhaltlichen aussagen die anfragenden organisationen offenbar auch problemlos der wto zutrauen würden. im augenblick verkündet gatt.org beispielsweise:
WTO Announces Formalized Slavery Market For Africamore
At a Wharton Business School conference on business in Africa that took place on Saturday, November 11, the WTO announced the creation of a new, much-improved form of slavery for the parts of Africa that have been hardest hit by the 500-year history of free trade there.
aufsehen erregte vor einigen jahren auch ein bbc-interview, in dem die yes men als vertreter von dow chemicals auftraten und spektakulärerweise kundtaten, daß der konzern endlich die volle verantwortung für die verheerende chemiekatastrophe in bhopal 20 jahre zuvor übernehme und den geschädigten angemessene entschädigungen zahlen werde. auch die bbc fiel auf eine gefälschte homepage herein, auf der der chemiekonzern sogar als urheber der weltweiten umweltbewegung dargestellt wird:
Did you know...http://www.dowethics.com
Dow is responsible for the birth of the modern environmental movement. The 1962 book Silent Spring, about the side-effects of DDT, a Dow product, led to the birth of many of today's environmental action groups.
der chemiekonzern bemerkte diesen pr-gau erst, nachdem das interview als sensation des tages bereits mehrmals in der bbc wiederholt worden war. auch mit seiner gegendarstellung kam er zu spät: die yes men hatten bereits selbst eine vorbereitete "richtigstellung" im namen von dow an die presse gegeben. sie verursachten so nicht nur einen skandal, sondern stellten auch noch selbst sicher, daß er in ihrem sinne "enthüllt" wird.
in der gleichen tradion steht ihr neuester streich: es gelang ihnen, als mit spannung erwartete hauptredner auf der wichtigsten canadischen öl-konferenz "go-expo" in calgary aufzutreten, und sich dort als angehörige von exxon-mobil bzw. des washingtoner national petroleum council auszugeben. bei der gelegenheit sei auch erwähnt, daß sich die yes men auch immer wieder ganze lebensläufe und abstruse namen für ihre erfundenen charaktere einfallen lassen (mein favorit ist wohl der vermeintliche schweitzer wto-gesandte "hank hardy unruh", der auf einer textilmesse dem staunenden fachpublikum einen goldenen manager-freizeitanzug mit riesigem phallus präsentierte). hier trat nun ein npc-sprecher unter dem bezeichnenden namen "shepard wolff" auf.
ihr publikum bestand aus etwa 300 schwergewichten der öl-industrie. und dieser erlesenen gruppe präsentierten sie, wie sich exxon-mobil die zukunft vorstelle: fossile brennstoffe begünstigten katastrophen, durch den klimawandel würden bekanntermaßen schon bald massen an menschen sterben. das sei aber kein problem, denn man habe eine methode entwickelt, um menschliche überreste in treibstoff zu verwandeln (sie nennen ihn "vivoleum"). so würde niemand umsonst sterben, und auch bei knapper werdenden ölreserven könnte so für die überlebenden der treibstoff weiter fließen.
das publikum folgte dem vortrag bis hierhin noch interessiert, entrüstung war nicht zu vernehmen. dies ahnend legten es die yes men darauf an, den bogen endgültig zu überspannen. sie verteilten kerzen in menschlicher form, die angeblich aus einem hausmeister ("reggie watts") hergestellt wurden, der durch einem unfall bei exxon-mobil unheilbar erkrankte. in einer völlig grotesken video-botschaft ließen sie watts selbst den wunsch äußern, nach seinem ableben als kerze noch einmal gute dienste leisten zu können ("z.b. bei einem romantischen essen"). langsam merken nun auch die veranstalter, daß ihre top-redner nicht wirklich aus ihren reihen kamen.
ich finde die yes men aus mehreren gründen bewundernswert. zum einen gelingt es ihnen mit ihren aktionen immer wieder, die von euphemismen und hochglanzbroschüren verklärte selbstdarstellung von fragwürdigen organisationen und konzernen platzen zu lassen. das dumme an illusionen ist bekanntermaßen, daß ein entweichen der wahrheit zu ihrer unbrauchbarkeit führt. das westenweiß der entblößten droht in der regel zu verflecken, wenn sie durch derartige situationen in verlegenheit gebracht wurden. man muß sich nur einmal vorstellen, wie "gerne" sich dow chemicals dafür gerechtfertigt haben dürfte, doch keine verantwortung übernehmen zu wollen. es gehört auch ohne frage eine gehörige portion mut dazu, sich immer wieder nicht nur in die höhle des löwen zu wagen, sondern ihn auch noch mit computeranimationen zu necken, was für ein schlappschwänziger schmusekater er doch bisher gewesen ist. dabei ist diese aktionsform nicht nur sehr unterhaltsam (es gibt einen großartigen film über die yes men, den ich nur wärmstens für das abendprogramm empfehlen kann). vielmehr richtet sie auch keinen beklagenswerten schaden an, sondern erzeugt allenfalls den öffentlichen druck, den einige akteure offensichtlich benötigen. zuguterletzt finde ich beachtlich, daß es mike bonanno und andy bichlbaum nach jahren immer noch gelingt, ohne gesichschirurgische eingriffe weiter unter neuen namen aufzutreten. ich hoffe sehr, daß ihre gesichter noch lange nicht "abgenutzt" sind und sie uns noch viele spektakuläre auftritte bescheren. mein respekt!


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