studienkränzchen bei bertelsmann
Mittwoch, 17. November 2010 21:45
· von meik
natürlich hat man mal wieder kein ordentliches experiment vorzuweisen, sondern lediglich fragebögen ausgewertet und dann per regression berechnet, wie sehr das wissen um das bildungsniveau bei der vorhersage einer späteren verurteilung hilft. die darstellung, man habe damit ursachenforschung betrieben, finde ich daher schonmal erheiternd.
noch ein keks
wirklich uninteressant wird es aber, wenn man mal die ganze statistik so hinnimmt -- auch ohne sich z.b. zu fragen, warum man ein signifikanzniveau von 10 prozent in tabellen voller tests noch erwähnenswert findet, oder wie groß eigentlich die vertrauensintervalle um all die koeffizienten sind -- und sich die größe der entdeckten effekte ansieht:
Für jene Probanden, die keinen Schulabschluss aufweisen, liegt durchschnittlich -- bei Fixierung aller anderen individuellen Einflussgrößen auf ihre Mittelwerte -- eine um 10 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit vor, von einem Gericht verurteilt zu werden, als bei jenen, die einen Realschulabschuss oder einen höheren Abschluss haben.
also nochmal: ohne schulabschluß ist die wahrscheinlichkeit eines urteils 10% höher als mit mindestens realschulabschluß. das klingt substantiell. schauen wir mal beim statistischen bundesamt, wie viele urteile denn so im jahr ergehen. da liegt man für 2009 z.b. bei knapp 700.000 (nur die erwachsenen, auf die beschränkt sich die bertelsmann-stiftung auch).
paß auf jeden krümel auf!
hier leben wohl etwa 67 millionen erwachsene menschen. die wahrscheinlichkeit, daß eine zufällig ausgewählte person in diesem jahr für irgendetwas verurteilt wird, beträgt damit etwa 1 prozent (natürlich unter der annahme, daß jedes verbrechen von einer anderen person verübt wird). doch jetzt können wir uns ja die erkenntnisse der stiftung zu nutze machen, um unsere vorhersage zu verbessern: wenn diese person keinen schulabschluß hat, schnellt die verbrechenswahrscheinlichkeit hoch auf atemberaubende 1,05 prozent, und wenn sie mindestens auf der realschule war, sinkt sie auf fast 0,95 prozent (das entspricht einem 10-prozentigen unterschied). also, wenn wir das mit der bildung jetzt nicht gewußt hätten, würden wir völlig im dunklen tappen...
halleluja.
so richtig wichtig ist aber auch zu wissen, ob wir es mit einem verruchten atheisten zu tun haben, denn der hätte nochmal eine um 3 prozent erhöhte delinquenzgefahr. "ursächlich", wohlgemerkt: er wird kriminell, weil er nicht glaubt.
leider ist das aber auch alles wieder falsch, weil sich mit den bertelsmann-zahlen überhaupt nichts im echten leben der normalbevölkerung anfangen läßt:
Entsprechend ist die Zusammensetzung keineswegs repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung. Vielmehr soll die Kontrollgruppe einen Vergleich mit der Stichprobe der Haftinsassen erlauben.
der 10-prozentige wahrscheinlichkeitsschub für kriminalität ohne schulabschluß gilt also sogar nur für den teil der bevölkerung, der demografisch schon einem durchschnittlichen häftling entspricht -- käsekuchen. was wir in der studie gar nicht finden sind zusammenhänge mit der variable, die am meisten varianz aufgeklärt hätte: das geschlecht. schade, ich hätte gerne erklärt bekommen, wieviele leute in den knast müssen, weil sie männer sind.
bertelsfrau
die stiftung fordert nun mehr bildung, um kriminalität zu verhindern. dieser logik folgend müßte sie in anbetracht überwiegend männlicher straftäter konsequenterweise eigentlich auch geschlechtsumwandlung für halb deutschland wollen. warten wir mal ab. ich trauen ihnen alles zu.
(thx mrcl.)


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