a2n, c3s & wtf
Samstag, 11. September 2010 22:42
· von meik
wie ich später hörte war einigen unsere gemeinsame veranstaltung von CC und GEMA nicht kontrovers genug. allerdings möchte ich hierzu erklären, daß es eben ganz bewußt überhaupt nicht um ein erbittertes gegeneinander gehen sollte. natürlich hätten wir uns auch gegenseitig alles mögliche vorwerfen können, und vielleicht wäre das auch unterhaltsamer gewesen. wir wollten aber aus guten gründen (lebenszeit ist kostbar) etwas neues ausprobieren.

anreise-schnappschuß: windows macht werbung in eigener sache
punktsieg vs. K.O.
jede seite sollte sich selbst vorstellen können und fragen des publikums beantworten, damit sich musiker_innen danach möglichst gut informiert selbst entscheiden können, was für sie interessanter ist. wir wollten ein forum bieten, um fragen zu klären, nicht um vorurteile von denen zu stärken, die eh alles wissen. in diesem sinne fand ich die veranstaltung auch fair und gelungen. alle anwesenden haben so bestimmt auch mehr mit nach hause nehmen können, als wenn es ein spektakulärer schaukampf gewesen wäre.
in meiner vorstellung der CC-lizenzen (.pdf) griff ich noch einmal meine frühere analyse der jahreswirtschaftsbrichte des bundesverbans musikindustrie auf. das feedback auf meinen letzten vortrag hat mich dazu veranlasst, die übersichtsgrafik um CD-singles und bezahldownloads zu ergänzen, damit die dimensionen unmißverständlich sind.

die blaue kurve ganz unten ("alben" heißen ja jetzt "bundles") wird im BVMI-bericht 2009 wegen ihres wachstums von 65 prozent als "treiber im downloadmarkt" bezeichnet. bei gleichbleibendem zuwachs wäre die branche immerhin 2015 auf dem niveau der CD-verkäufe von heute. was man hier in der sektlaune vergißt ist ein blick auf die vorjahre, denn 2008 hat das wachstum noch 77 prozent betragen, 2005 waren es sogar 350 prozent, im folgejahr dagegen nur 36 prozent. aus den springenden wachstumsprozenten sollte man also lieber keine prognose ableiten -- und wenn, dann geht das wachstum tendenziell wieder zurück. im trend geht die kurve natürlich sanft nach oben, aber wenn man die gesamtentwicklung von 2004 bis 2009 mal linear fortschreibt, zieht es den korken zurück in die flasche. bundles bräuchten dann nämlich ungefähr die nächsten 100 jahre, um mit den CD-alben gleichzuziehen. naja, wenn sich die musikindustrie ein bißchen anstrengt, könnte die wahrheit irgendwo zwischen den jahren 2015 und 2110 liegen.
die platte hängt, atte hängt, atte hängt...
in der zwischenzeit sah ich mich aber auch schon wieder genötigt, meinem ärger an anderer stelle luft zu machen -- und zwar bei der tagesschau. das einfachste wird sein, wenn ich daraus hier einfach mal einen offenen brief mache:
Sehr geehrte Damen und Herren,
bezugnehmend auf Ihren popkomm-Bericht vom 08.09.2010:
Ich zitiere ihre Begründung für die geschrumpfte popkomm:
"... passend zu den sinkenden Umsätzen der Plattenindustrie, die immer noch mit der Wirtschaftskrise, vor allem aber mit Intrernetpiraterie zu kämpfen hat."
Diese Darstellung, und damit der ganze Aufhänger für Ihren Beitrag, entbehrt für den deutschen Markt einer überprüfbaren Quelle. Ich selbst habe auf der all2gethernow -- zu Ihrer Information: das war das tatsächlich inhaltliche Konferenzprogramm der Berlin Music Week, von dem Sie in Ihrem Bericht bezeichnenderweise nicht einmal den Namen erwähnen -- selbst in drei Veranstaltungen vorgetragen[1,2,3; 4,5]. Dafür habe ich unter anderem eine statistische Analyse der Jahreswirtschaftsberichte des Bundesverbands Musikindustrie erstellt (eigentlich schon vor Monaten[6]) und konnte zeigen, daß es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen illegalen Downloads und verkauften CD-Alben gibt: illegale Downloads haben sich seit 2003 mehr als halbiert, im gleichen Zeitraum sind die CD-Absätze bei gleichbleibenden Preisen völlig stabil bei etwa 150 Mio. (man nennt das "Nullkorrelation"). Sie machen etwa 80% des Gesamtumsatzes aus, wogegen Bezahldownloads trotz ihres 'imposanten' Wachstums nach wie vor lächerlich gering sind -- nicht mal 8 Mio. verkaufte Bundles/Alben, die Einzeltracks kompensieren gerade mal das gleichzeitige Verschwinden der CD-Single. Es gibt keinen empirischen Beleg, ob hieran "Piraterie" überhaupt eine Schuld trägt, oder der Umstand, daß legale Angebote um Jahre zu spät kommen, oder die Tatsache, daß Bezahldownloads überhaupt kein echtes Geschäftsmodell sind, oder etwas ganz anderes. Fürchten Sie, daß die tagesschau-Zielgruppe kognitiv überfordert wäre, wenn man sie über mehr als ein einziges Erklärungsmodell nachdenken ließe?
Und fällt Ihnen etwas auf? Im Zeitraum der Wirtschaftskrise sind die Verkaufszahlen im Downloadsektor nach Ihren eigenen Angaben(!) sogar mächtig gestiegen -- hier ist offensichtlich jede Ursachenzuschreibung für sinkende Umsätze grotesk. Jeder "Tatort" weist eine höhere inhaltliche Konsistenz auf als dieser Bericht, der journalistische Qualitäten haben soll. Was Sie in der tagesschau der Musikindustrie nachreden ist schlicht nicht vereinbar mit den Zahlen, die die Branche selbst veröffentlicht. Sie vergessen auch, daß die popkomm sich letztes Jahr sehr peinlich selbst absagte und dies ebenfalls mit "Internetpiraterie" begründete; aus dem bösen Internet entstand dann bekanntermaßen innerhalb von 9 Wochen die erste all2gethernow als spannende Ersatzveranstaltung, für die popkomm ein PR-GAU, so daß man sich wohl dieses Jahr schnell wieder mit an die a2n hängte. Ich finde es peinlich für die tagesschau, auch ein Jahr später immer noch wie ein Papagei die gleichen hohlen Piratenphrasen zu dreschen, und dies nicht erkennbar als bloße Meinung der Medienindustrie zu kennzeichnen. Aber immerhin habe ich nun einen themenbezogenen tagesschau-Bericht, den ich in zukünftigen Vorträgen gerne als journalistisches Negativbeispiel zitieren werde. Er ist in meinen Augen einseitig (ausschließlich Industrie-Lobbying), unvollständig (ohne Bezug zum Konferenzprogramm), unsachlich formuliert (Tatsachenbehauptungen statt Konjunktiv) und richtig schlecht recherchiert (wenn überhaupt).
andere öffentlich-rechtlichen haben dagegen ganz treffend nicht das hohle lied des business-fests angestimmt. im deutschlandfunk und auf deutschlandradio kultur (h.a. "breitband" vom 11.09.2010) zählen keine bunten bilder, sondern das gesprochene wort, plötzlich ist der tenor wie verkehrt: die zukunft diskutiert schon heute auf der a2n, von der popkomm bleibt nicht viel mehr als "wühltisch-atmo".
öl und wasser: all2gether re-divided
nun ja, den kalten atem der dicken, alten popkomm bekam man indirekt auch als speaker des a2n-camps zu spüren. als vortragender auf dem camp brauchte man sich jedenfalls keine illusionen zu machen, den anschließenden congress mit dem gleichen ticket besuchen zu können. zwischen den zeilen war allenthalben zu verstehen, die popkomm sitze auf den eintrittskarten. der witz an der geschichte ist, daß von den 30 congress-veranstaltungen gerade mal 4 panels von der popkomm beigetragen wurden. den rest ließ man das a2n-team organisieren, räumte ihnen aber keine möglichkeit ein, allen eigenen speakern zugang zu beiden veranstaltungen zu verschaffen.
damit mich niemand falsch versteht: es geht mir nicht so sehr um's geld, sondern um die message. big business blendet mit der a2n-klientel die diskussionsfreudige netz-community immer noch so weit es geht aus. nichts kann dies besser zum ausdruck bringen als die nur noch politisch erklärbaren preisklassen (2-tages-ticket für ~100 sessions im camp: 30 euro; 4-tages-ticket für ~40 sessions in congress und forum: 236 euro). die räumlichkeiten ließen keine trennung des publikums zu, so daß man ohne dickes 4-tages-ticket nicht auf die panels kam. die a2n verlegte daher ganz bewußt den großteil ihres programms ins camp.
so ganz "all2gether" fühlt sich das natürlich trotzdem nicht an. das haben die menschen, die sich monatelang für die a2n in den wahnsinn organisiert haben, nicht verdient. ich würde sagen: schmeißt die popkomm wieder raus. ihr habt jetzt zweimal ein wegweisendes musikkonferenz-format auf die beine gestellt, und es wäre besser für uns alle, wenn die dritte auflage wieder ohne diesen überholten klotz am bein stattfinden könnte. ich hatte den eindruck, eine blutleere popkomm saugt die frische a2n nur aus, ohne irgendeine relevante gegenleistung zu erbringen.
stattdessen würde ich mir etwas musik wünschen, damit man nicht nur davon redet -- einfach einen der räume abstellen und den ganzen tag im stundentakt neues beginnen lassen, einmal quer durch alles was es gibt. um sich zwischendurch mal freipusten zu lassen.
geerdet
noch ein abschließender gedanke: wie schon im vorjahr (z.b. bei der diskussionsrunde mit amanda palmer) war auch auf diesem camp, etwa beim panel mit steve lawson und zoe keating, der prägende unterschied zwischen "alter" und "neuer" musikwirtschaft angenehm direkt spürbar. es geht nicht mehr um unerreichbare, abstrakte superstars, sondern um gegenseitigen respekt auf einer gewissen augenhöhe. künstler_innen und fans sind in einer symbiose. das angesprochene panel, bei dem beide über die arbeit als solo-künstler_in sprachen, kam sogar ohne moderation aus. lawson und keating teilten sich das mikrofon ganz selbstverständlich mit dem aufgeschlossenen publikum, und sie stellten auch diesem ihre fragen, nicht nur andersherum. hier hätte das alte business eher wie ein parasit gewirkt; keating erwähnte auch schmunzelnd, nur einen "imaginary manager" zu haben.
mein respekt an alle, die geburtshilfe bei der zweiten a2n geleistet haben -- ihr rockt.


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