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SIGINT 2010: musikindustrie widerlegt sich selbst Mittwoch, 26. Mai 2010 23:47 · von meik

ok, ich war behilflich. am 23. mai hielt ich auf der diesjährigen SIGINT einen 45-minütigen vortrag unter dem titel "die gescheiterte revolution". der vortrag sollte zur diskussion zum themenkomplex creative commons/freie subkultur anregen, mit einem fokus auf freie musik. das hat erfreulicherweise auch funktioniert. er wurde auch per video mitgeschnitten, wird aber vermutlich erst in einigen wochen veröffentlicht. damit sich die interessierte öffentlichkeit dennoch schon jetzt ein besseres bild über den inhalt machen kann, haben wir auf OpenMusicContest.org die folien veröffentlicht. den ersten teil, der sich dem stand der "alten" musikindustrie widmete, formuliere ich in diesem beitrag noch einmal etwas aus, damit die folien verständlicher werden.

natürlich möchte ich, daß auch "normale menschen" verstehen, was ich hier ausführe. daher werde ich mich zwar methodisch an wissenschaftlichen standards orientieren, die formulierungen aber möglichst allgemeinverständlich halten.

theorie

wissenschaftliche arbeiten beginnen üblicherweise mit einer theorie, für die man dann belege zu liefern hat. die theorie, um die es uns hier gehen soll, stammt aus den kreisen der musikindustrie und wird etwa seit dem auftreten von napster 1998/99 diskutiert. sie lautet: der massenhafte download urheberrechtlich geschützer musikwerke über peer-to-peer-netze (p2p, "tauschbörsen") füge der musikindustrie immensen finanziellen schaden zu. um diesen schaden zu begrenzen müsse man mit allen rechtlichen mitteln gegen illegale downloads vorgehen.

hypothesen

aus der theorie lassen sich im nächsten schritt hypothesen ableiten, die so exakt formuliert sind, daß sie sich empirisch überprüfen lassen. man stellt also konkrete behauptungen auf, die sich bestätigen müßten, wenn die theorie stimmt. solange diese bestätigung nicht möglich ist, muß man bei der sogenannten nullhypothese bleiben: daß der vermutete effekt oder zusammenhang doch nicht existiert.

konkrete hypothesen, die sich aus der p2p-theorie der musikindustrie ableiten lassen, sind:

  • je mehr illegal heruntergeladen wird, desto weniger CDs werden gekauft
  • je mehr illegal heruntergeladen wird, desto geringer sind die umsätze der musikindustrie
  • je effektiver das rechtliche vorgehen ist, desto weniger illegale downloads gibt es

methode

da in den hypothesen lineare zusammenhänge behauptet werden, können wir als statistisches verfahren die produkt-moment-korrelation einsetzen, um ihnen nachzugehen. ein sogenannter korrelationskoeffizient drückt in einer zahl die stärke eines beobachtbaren zusammenhangs aus. er kann im extremfall werte von +1 bis -1 annehmen, was bei positiven werten "je mehr des einen, desto mehr des anderen" bedeutet, und bei negtiven "je mehr des einen, desto weniger des anderen". wenn kein zusammenhang erkennbar ist, bleibt der koeffizient nahe null. statistisch formuliert lauten die hypothesen dann:

  • illegale downloads korrelieren negativ mit den verkaufszahlen von CD-alben
  • illegale downloads korrelieren negativ mit dem gesamtumsatz der musikindustrie
  • illegale downloads korrelieren negativ mit der zahl abgeschlossener zivilverfahren

daten

als daten greifen wir auf die jahreswirtschaftsberichte des bundesverbands musikindustrie zurück, die dieser als pdf zum download bereitstellt. dort finden wir u.a. ab 2003 angaben zu illegalen downloads, verkauften CDs und ab 2004 zu abgeschlossenen zivilverfahren. vollständige vergleichszahlen zur zeit vor 2003 liegen dem branchenverband nicht vor, weshalb sich unsere analyse nur auf diesen siebenjährigen zeitraum beziehen kann.

um uns einen überblick über die daten zu verschaffen, können wir sie grafisch darstellen lassen. betrachtet man die zahl illegaler downloads und verkaufter CD-alben, kann man auf den ersten blick sehen, daß im betrachteten zeitraum die zahl der downloads um mehr als die hälfte zurückging, die absatzzahlen der CDs aber nahezu konstant blieben:

in den daten der musikindustrie sind als illegale downloads einzelne musiktitel ausgewiesen. um bessere vergleichbarkeit mit den CD-alben zu erreichen, habe ich sie näherungsweise in "alben" zu zehn titeln zusammengefaßt. wir sehen nun, daß die zahl illegaler downloads deutlich unter den verkaufszahlen von CDs liegt und selbst zu beginn des meßzeitraums nicht annährend diese dimension erreichte:

dennoch ist unklar, ob downloads und verkäufe auf vergleichbaren dimensionen liegen. um sogenannte zufallswerte verschiedener maße dennoch direkt vergleichbar zu machen, kann man eine z-transformation durchführen. die einzelnen variablen (hier: CD-verkäufe, downloads etc.) haben danach den gleichen mittelwert (null) und die gleiche streuung um den mittelwert (eins), so daß man ihre veränderungen besser miteinander vergleichen kann:

wie man sieht verlaufen die kurven für illegale downloads und umsätze der musikindustrie auffällig parallel. aufgrund der geringen streuung (fast keine veränderung über die jahre) wirkt die kurve der CD-verkäufe etwas bizarr und läßt keine ähnlichkeit zu den anderen kurvenverläufen erkennen.

ergebnisse

wie die grafik schon vermuten läßt gibt es in den daten der musikindustrie keinen statistisch relevanten zusammenhang zwischen illegalen downloads und CD-verkäufen (r=-.06, n.s.). die nullhypothese kann damit nicht verworfen werden, die erste hypothese findet keine bestätigung.

eine signifikante positive korrelation von r=.87 finden wir aber für die umsatzzahlen und illegale downloads. zwischen diesen beiden größen gibt es also einen bedeutsamen zusammenhang: je weniger illegal heruntergeladen wird, desto geringer fallen auch die jahresumsätze der musikindustrie aus. da die hypothese genau in die entgegengesetze richtung ging, findet auch sie keine bestätigung.

hypothesenkonform erweisen sich nur die signifikanten zusammenhänge zwischen zivilverfahren und illegalen downloads (r=-.96).

diskussion

die umsätze der musikindustrie basieren seit jahren recht unverändert zu 80% auf den verkäufen von CD-alben. in diesem segment sind also die größten gewinne und verluste der branche möglich.

die eigenen daten des bundesverbands musikindustrie enthalten keine anhaltspunkte, daß es irgendeinen relevanten zusammenhang zwischen illegalen downloads und CD-absatzzahlen gibt. überraschenderweise korrelieren die umsatzzahlen sogar positiv mit der downloadrate, was gänzlich gegen den eindruck geht, den die branchenvertreter seit jahren vermitteln. die zahl der zivilverfahren korreliert zwar wie erwartet negativ mit den downloads, allerdings legen die beiden anderen ergebnisse nahe, daß dies nicht den eigentlich erwünschten effekt hat: eine steigerung des umsatzes. geht man nach den zahlen der musikindustrie, gibt es keinen erkennbaren grund, weiter auf das massenhafte verklagen von privatpersonen zu setzen, sofern man nicht weiter aktiv das eigene image demolieren möchte.

korrelationen können nicht kausal interpretiert werden. wir wissen also z.b. nicht, ob die downloadzahlen sinken, weil die gerichtsverfahren steigen. es könnte beispielsweise sein, daß eine nicht beobachtete variable beide größen gleichzeitig beeinflußt.

eventuell sinken die downloadzahlen auch vielmehr wegen der inzwischen erfüllten ersatzbedarfsnachfrage. diese überlegung geht davon aus, daß ende der 1990er, nach dem medienwechsel von der physischen CD zur virtuell verbreitbaren audiodatei, eine große nachfrage danach bestand, seine lieblingsalben noch einmal in digitaler form zu erhalten. bis vor kurzem waren faktisch nur illegale angebote vorhanden, um diese nachfrage komfortabel zu bedienen. mittlerweile, zehn jahre später, dürfte dieser ersatzbedarf gedeckt sein, so daß die downloadzahlen wieder sinken. das größte geschäft hätte die musikindustrie damit unwiederbringlich versäumt.

unter'm strich passen die zahlen der branche nicht zu ihren theorien. falls es tatsächlich mal einen effekt von illegalen downloads auf verkäufte gab, dann ist er seit sieben jahren verschwunden.

wer die befunde replizieren oder selbst herumrechnen möchte, kann gerne mein R-skript verwenden.

Stichwörter: , , , , , , , , ,

 

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vier Kommentare

:: 1 ::

super artikel … schade kein flattr button.

:: 2 ::

Ich finde es etwas kühn, die Zahlen zu ‘legalen Downloads’ nicht mit einzubeziehen. Im analysierten Zeitraum spielen die eine nicht unerhebliche Rolle.

:: 3 ::

hallo mischa,

ich muß dir widersprechen. es ist ziemlich egal, wie man die zahlen des bundesverbands dreht (auf diese selbstangaben beziehe ich mich hier ja ausdrücklich), legale downloads haben keine nennenswerte auswirkung:

es liegen zahlen von 2004 bis 2009 vor (“brennerstudien”). legale bezahldownloads haben in der zeit von 8 auf 46 mio. einzeltracks zugenommen — verwendet man die o.g. 10-tracks-je-album-heuristik (sog. bundles sind bisher nicht bedeutsam), sind das im vergleich zu den CD-alben gerade mal 3 prozent. die angaben zu kostenlos legal heruntergeladenen titel sind im gleichen zeitraum von 84 auf 65 mio. zurückgegangen. insgesamt macht das in fünf jahren eine steigerung von 92 auf 111 mio. einzelstücke (zuwachs von 19 mio.) bzw. etwa 6 auf 8 prozent im verhältnis zu den CD-absätzen. diese entwicklung entspricht durchaus noch meiner interpretation von “unerheblich”.

übrigens begrenzt sich die kühnheit dieses blogeintrags darauf, nur einen teil der ganz oben verlinkten folien zu kommentieren ;-) auf folie 8 ist die entwicklung der legalen bezahldownloads dargestellt (und den aus meiner sicht äquivalenten CD-singles gegenübergestellt, deren verkaufsrückgang durch MP3s gerade mal kompensiert wird).

:: 4 ::

Hallo,

also, eine interessante Frage wäre, ob der Verkauf von Singles nicht eingebrochen ist. So Chart-Krimskrams den man früher gekauft hat und dann nach einer weile nie wieder angehört hat, vielleicht sogar versteckt ;) Das lädt man jetzt runter oder hört es sich auf youtube an und gut ist…

Außerdem finde ich schade, dass keine deutliche Abgrenzung zwischen Korrelationen und Kausalitäten gezogen wird. Andere Einflussfaktoren, wie legale Downloads, Websites wie Youtube, MySpace, CD-Preise etc. fände ich auch interessant.

Grüße,

Keywan

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